Not Just Boys' Fun?

Prof. Dr. Andrea Maihofer (Leitung) / Marion Schulze
Gefördert vom Schweizerischen Nationalfonds, Abteilung I

Jugendkulturen sind heutzutage in den westlichen Gesellschaften nicht mehr wegzudenken. Mittlerweile üben sie einen enormen Einfluss auf  Mode, Kunst, Musik und -weiter gefasst-  grosse Teile der Wirtschaftswelt aus. Doch genauso sind sie in den letzten Dekaden zu etablierten Lebenswelten und Sozialisationsinstanzen für zumeist männliche und immer mehr auch für weibliche Jugendliche geworden. Allerdings wird der zu beobachtenden stetig grösseren Präsenz von Mädchen in jugendkulturellen Zusammenhängen in der Forschung nur langsam Bedeutung geschenkt. Hier setzt das Projekt an.

Ausgangspunkt ist die Teilnahme von Mädchen an der translokalen Jugendkultur Hardcore. Hardcore kann kurz als radikale Reinterpretation des Punks definiert werden. Für dieses Projekt zentral ist die Beobachtung, dass – neben der numerischen Marginalität – Mädchen besonders in den repräsentativen Bereichen des Hardcore eindeutig untervertreten sind. Zu diesen zählt vor allem das Mitmachen in einer Band, beim Tanzen und in crews. Diese ‚begrenzte Teilnahme’ der Mädchen ist umso erstaunlicher als es keine expliziten ‚Teilnahmeverbote’ gibt. Offenbar liegt es auch nicht am Verlangen der Mädchen, weniger präsent an der Jugendsubkultur teilzuhaben. Im Gegenteil: Mädchen schreiben Hardcore eine grosse Bedeutung in ihrem Leben zu und identifizieren sich sehr stark mit dieser Jugendkultur. Ein Mädchen bringt das knapp auf den Punkt: „My life is hardcore. And I wouldn’t have it any other way.“ 

Arbeitshypothese des Forschungsprojektes ist, dass die ‚begrenzte Teilnahme’ nicht allein dadurch erklärt werden kann, dass Jugendkulturen ein ‚Spiegel der Gesellschaft’ sind oder gesamtgesellschaftliche Geschlechterordnungen von aussen in Jugendkulturen hineingetragen und dort reproduziert werden. Es wird in diesem Projekt im Gegenteil davon ausgegangen, dass die eingeschränkte Beteiligung vor allem durch eine Analyse der Hardcore immanenten Geschlechterkonventionen verstanden werden kann. Dies bedeutet eine folgenreiche Blickverschiebung gegenüber der gängigen gendersensiblen Jugendkulturforschung. Es beinhaltet einerseits die Lebenswelten der Jugendlichen und ihre eigenen Konventionen ernst zu nehmen und ermöglicht andererseits Prozesse aufzuzeigen, die bislang von der Forschung übersehen worden sind.

Das Projekt wird das Thema somit auf zwei Ebenen beleuchten. Einerseits werden vergeschlechtlichte und vergeschlechtlichende Konventionen des Hardcore analysiert. Auf der anderen Seite wird untersucht, wie Mädchen sich mit diesen Geschlechterkonventionen auseinandersetzen und sie (re)produzieren. Es wird dabei erstens davon ausgegangen, dass sich die beiden Ebenen wechselseitig beeinflussen und verstärken und sich dies zweitens auch dauerhaft auf die Geschlechterbilder und -konstruktionen der Akteurinnen auswirkt. Insgesamt wird angenommen, dass Hardcore für Mädchen zu einer Ressource bei der alltäglichen Verhandlung von Geschlecht wird. Untersucht wird dies mittels Interviews und teilnehmender Beobachtung in der Schweiz, aber auch in England, Japan, Deutschland, Schweden und den USA.

Es soll dazu beitragen werden, ein differenziertes Wissen über die Teilnahme von Mädchen im Hardcore zu gewinnen. Damit dient das Projekt der Erforschung einer international noch kaum untersuchten Jugendkultur. Generell wird es zu einem präziseren Verständnis verhelfen, wie genau die Prozesse der gesellschaftlich-kulturellen Konstruktion von Geschlecht besonders in der Jugendphase ablaufen. Schliesslich sollen auf Grundlage der Ergebnisse erste Bausteine einer gendersensiblen Jugendkulturtheorie herausgearbeitet werden.

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Marion Schulze